Kieler Nachrichten, 06.06.2002 

Chroniker-Programme: Neuer Baustein im Gesundheitssystem

Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomie der Universität Köln und seit 1999 wissenschaftlicher Berater des Bundesgesundheitsministeriums: Prof. Karl W. Lauterbach. Schwerpunkte seiner Forschung liegen in den Bereichen Gesundheitspolitik und Prävention chronischer Krankheiten. Foto pae

Wieder ein neuer gesundheitspolitischer Baustein: Ab 1. Juli sollen über so genannte Disease-Management-Programme Krankenkassen und Ärzte, die chronisch Kranke (zunächst betrifft dies Diabetiker, Asthmatiker, Brustkrebs- und Herzerkrankte) umfassend versorgen, finanziell gefördert werden. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt verspricht sich davon nicht nur eine qualitative Verbesserung für die Patienten, sie hofft auch auf Einsparpotenziale, die sich aber frühestens im nächsten Jahr zeigen dürften. Die Kieler Nachrichten sprachen mit Prof. Karl W. Lauterbach, Gesundheitsökonom und als Mitglied des Sachverständigenrates für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen enger Breater Schmidts, über die Chroniker-Programme.

Warum werden jetzt die so genannten Disease-Management-Programme (DMP) im Gesundheitssystem eingeführt?

Die Disease-Management-Programme sind die erste, wirklich nennenswerte Verbesserung der Versorgung von chronisch Kranken seit fast 20 Jahren. Wir haben in Deutschland ein gutes Gesundheitssystem, das aber eine spezielle Schwäche hat, nämlich die Versorgung von chronisch Kranken. Die Hälfte dieser Patienten wird, so schätzen die jeweiligen Fachgesellschaften, nicht so behandelt wie das wissenschaftlich eigentlich notwendig wäre. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass sowohl die Krankenkassen als auch die Ärzte zum Teil mit der besseren Versorgung von chronisch Kranken Verluste machen. Eine Krankenkasse, die viele chronisch Kranke hat und diese gut behandelt, zieht weitere an und droht so in den Konkurs zu gehen. Denn die chronisch Kranken verursachen etwa 80 Prozent der Gesundheitsausgaben in Deutschland. Das gleiche gilt für einen Arzt: Er kann einen Gesunden für die Pauschale, die derzeit bezahlt wird, relativ gut versorgen, einen chronisch Kranken aber nicht. Deshalb werden auch in der Arztpraxis chronisch Kranke oft von Arzt zu Arzt weitergeleitet, und wenn sie zu teuer sind, oft ganz unnötig ins Krankenhaus eingewiesen. Das macht unser Gesundheitssystem teuer und schlecht.


Wie funktionieren die Chroniker-Programme?

Für einen eingeschriebenen Patienten, der nach wissenschaftlichem Standard versorgt wird, erhält der Arzt zusätzliches Geld von der Krankenkasse, die wiederum aus dem Risikostrukturausgleich gefördert wird. Netto wird dies bezahlt durch die Krankenkassen, die wenig chronisch Kranke haben. Das ist ein in sich logisches System, das auch im Ausland gut funktioniert.


Jetzt hat der Deutsche Ärztetag in Rostock beschlossen, dass die notwendigen Daten-Sätze nicht an die Krankenkassen gegeben werden sollen. Könnten damit die Chroniker-Programme kippen?

Nein. Es ist ja gesetzlich offen gelassen worden, ob diese Versorgung durch die Kassenärztlichen Vereinigungen angeboten werden oder von den Ärzten direkt. Und wenn die KVen die notwendigen Daten nicht weitergeben wollen, dann kann das der einzelne Arzt tun. Die Programme würden also für Ärzte und für Patienten, die sich freiwillig beteiligen wollen, ausgeschrieben. In vielerlei Hinsicht ist das die bessere Lösung, denn es bliebe mehr Geld übrig für die Versorgung, müsste weniger aufgewendet werden für die Bürokratie der Kassenärztlichen Vereinigungen.


Um welche Patientendaten geht es bei dem Streit?

Um notwendige Informationen, ohne die die Kassen die Chroniker-Programme überhaupt nicht durchführen könnten. Der Patient erklärt sich etwa bereit, der Kasse mitzuteilen, dass er Raucher ist oder übergewichtig. Nur dann kann die Kasse ja ein Raucherentwöhnungsprogramm anbieten oder eine Ernährungsberatung. Es ist nun mal nicht möglich zu duschen, ohne nass zu werden.

Wie erfolgreich würden sich die Chroniker-Programme ohne Beteiligung der Kassenärztlichen Vereinigungen durchsetzen lassen?

Das positive Echo der Ärzte wird groß sein, denn hier wird der Arzt für eine bessere Versorgung seiner Patienten ja besser bezahlt.

Als Reformansatz im Gesundheitssystem soll auch die Vorsorge gestärkt werden. Wie wollen Sie erreichen, dass sich breite Bevölkerungsschichten daran beteiligen?

Da muss, genau wie beim Disease-Management, ein Finanzierungsanreiz geschaffen werden. Ein solcher Vorschlag wird von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt gerade vorbereitet.

Wie beurteilen Sie immer wieder erhobene Forderungen, die Kassenleistungen in Grund- und Wahlleistungen aufzusplitten?

Ich halte das für einen gefährlichen Irrweg. Derzeit ist alles, was medizinisch notwendig ist, im Leistungskatalog der Kassen enthalten. Gäbe es Wahlleistungen, würde das bedeuten, dass man bestimmte Leistungen bei gleichzeitiger Beitragssenkung abwählen könnte. Das würden aber nur die jungen und gesunden Versicherten tun. Die Kassenausgaben würden also gleich hoch bleiben, die Einnahmen aber sinken. Damit würde das System weiter ausgeblutet, und es würde einen weiteren Wettbewerb um gesunde Versicherte geben, wie wir ihn ja gerade bekämpfen.

Also plädieren Sie vermutlich dafür, statt dessen den Leistungskatalog ständig zu überprüfen?

Genau. Ich würde den Katalog darauf überprüfen, ob er noch alles medizinisch Notwendige enthält, und ich würde ihn entrümpeln. Wenn wir das konsequent täten, könnten wir weiterhin eine qualitativ sehr hochwertige Versorgung für alle anbieten.

Interview: Anne Gramm



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